Lieber Besucher,

leider sind die Besucherzahlen auf Grund der immer größer werdenden Konkurrenz der Videoportale in der letzten Zeit so stark rückläufig, dass der aktive Betrieb von achsensprung.net eingestellt werden musste. Das Portal bleibt bis auf Weiteres online, eine aktive Teilnahme ist jedoch nicht mehr möglich.
Wir bedanken uns für eure Treue in 10 Jahren "Amateurfilm Magazin" bzw. später "achsensprung.net".

Martyrs (ab 01.04. in den deutschen Videotheken)

Forenübersicht » Filmrezensionen (Kinofilme) » Martyrs (ab 01.04. in den deutschen Videotheken)

Antwort schreiben

Zum Seitenende springen
ludovico
User
31.03.2009 13:03
Kommentare: 37
Forenbeiträge: 12

Martyrs (ab 01.04. in den deutschen Videotheken)

Endlich war es soweit. Vor kurzem habe ich den Film gesehen, auf den alle warten, auch wenn sie noch nichts davon wissen. Die Rede ist von Pascal Laugiers Horrorfilm „Martyrs“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat spannender, pointierter, konsequenter und härter zu sein, als jede andere Genre-Produktion bisher.
Dieses Ziel scheint aber erst einmal in weiter Ferne, allein wenn man sich die aus Frankreich herübergeschwappten Horrorfilme der letzten Jahre anschaut. Da war 2003 Alexandre Ajas „Haute Tension“, der es durch seine realistische Darstellung von Schnittwunden und Blutfontänen, sowie Oralverkehr mit abgetrennten Köpfen zwei Jahre später auf die Liste B des Indexes der BPJM schaffte. Das heißt raus aus den Videotheken und falls ein Staatsanwalt schlecht gelaunt sein sollte Verbreitungsverbot. Trotzdem gilt der Film unter Genrefans und Gore-Hounds als Kult.
Die französischen Studios legten nach mit „Frontier(s)“, einem Terrorfilm in Tradition des „Texas Chainsaw Massacre“, in dem eine Nazifamilie flüchtige Bankräuber zerlegt, und das recht anschaulich. Der Film ist selbst in seiner geschnittenen deutschen Verleihfassung inzwischen auch nur noch in der Hinterkammer der Videotheken zu finden, in der die Kuschelfilme stehen.
Der vorläufige Höhepunkt dieser Serie von französischen Genre-Produktionen war „Inside“, der in der ersten Hälfte spannender und düsterer war als „Haute Tension“ und „Frontier(s)“ und in der zweiten die krasseren Tabubrüche liefert. So kann man zum Beispiel in Schlüsselszene Beatrice Dalle dabei zusehen, wie sie der schwangeren Alysson Paradis bei lebendigem Leib das Baby aus dem Bauch entfernt. Mithilfe einer Schere.
Natürlich hat das der BPJM überhaupt keinen Spaß gemacht und der Film unterliegt inzwischen dem Verbreitungsverbot.

Dann las ich Berichte vom Fantasy Filmfest 2008 und in allen fand dieser eine Film Erwähnung: „Martyrs“, der zweite Film vom weitgehend unbekannten Pascal Laugier. Dieser Film sollte anders sein als alles bisher: Intelligent und Anspruchsvoll, dabei aber alle Schmerzgrenzen dreist ignorieren. Und das trifft zu!

In der Eröffnungsszene läuft die kleine Lucie hysterisch schreiend und weinend durch ein verlassenes Industriegebiet. Was ihr passiert ist, bleibt zunächst unklar. Sie kommt in eine Psychiatrische Klinik und schließt dort Freundschaft mit Anna. Doch auch mit ihr spricht sie nicht über das, was ihr passiert ist. Das einzige, was klar zu sein scheint ist, dass Lucie nicht allein ist, sondern eine Kreatur sie verfolgt und wiederholt verletzt.
15 Jahre später beobachtet man eine Familie beim Frühstück. Es klingelt an der Tür, der Vater öffnet und einige Sekunden später ist die ganze Familie mit einer Schrotflinte zur Strecke gebracht.

Mehr sollte man eigentlich nicht wissen, bevor man sich diesen Film anschaut, weil er sonst seine intensive Wirkung niemals ganz entfalten wird. Nicht umsonst postet kaum irgendjemand Spoiler zu dem Film im Internet, die Menschen haben verstanden, dass der Film ein Rätsel bleiben muss. Auch dazu muss man Laugier gratulieren, dass sogar die klugscheißenden Spielverderber seinen Film ernst nehmen.
Und man sollte ihn ernst nehmen. Denn das, was einem bevorsteht, wenn man ihn sich anschaut ist harte Kost, die zumindest mich noch tagelang später beschäftigt hat.
Streng genommen ist „Martyrs“ ein Experiment, um zu sehen was man seinem Publikum zumuten kann. Ein filmischer Ausnahmezustand. Böse, hinterhältig, pessimistisch, ohne auch nur einen Anflug von Humor und unrealistisch aussehender Splattereffekte.
„Martyrs“ beschönigt nichts. Er zeigt jede brutale Handlung als das was sie ist, ohne den erleichternden Zynismus der „Saw“- und „Hostel“-Filme und ganz wichtig: NIEMALS ZUM SELBSTZWECK.
Da wo Michael Hanekes „Funny Games“ aufhört, fängt Laugier erst an und er geht von dort aus einen weiten Weg, ohne Rücksicht auf jede Moralvorstellungen und gesellschaftliche Tabus.
„Martyrs“ ist eine Bestie. Ungezähmt, wild und hungrig. Sie reißt einem beim anschauen die Seele heraus, frisst sie und kotzt sie einem halb verdaut wieder vor die Füße.
Da stellt sich die Frage, ob man sich so etwas überhaupt anschauen sollte. Das muss jeder selbst entscheiden. Aber wenn man Filme als mehr ansieht, als nur einfache Unterhaltung wird man um „Martyrs“ nicht herumkommen.

Dies ist ungelogen der wichtigste Beitrag zum Horrorgenre seit mindestens zehn Jahren. Jetzt schon ein Klassiker. Applaus!
Zum Seitenanfang springen

Antwort schreiben

Alle Funktionen dieser Seite

Ihre Werbung hier »